Racing Center der Lagoo Segelschule

Tod wollte mich heute noch nicht

Geschrieben von Ivano Celia - CEO & Segel-Instruktor, Hochsee-Skipper CCS | Nov 15, 2022 1:30:56 PM

Mit viel Glück dem Sensemann entwischt

Gestern hat der Französische Skipper Fabrice Amedeo die gefährliche Havarie mit seiner Imoca NEXANS im offenen Ozean überlebt. Er hat gestern mehrere tödliche Situationen mit sehr viel Glück gemeistert. Nicht zuletzt auch durch gute Seemannschaft und Erfahrung aller Beteiligten, konnte gestern eine Tragödie an der Route du Rhum verhindert werden. Weiche Knie, Umarmungen und Tränen auf dem Ozean-Frachter M/V Maersk Brida - deren Besatzung das Unmögliche möglich gemacht hat - nach geglückter Rettung. Amedeo nach seiner Rettung «Ich bin am Boden zerstört, aber der glücklichste aller Männer, denn heute Abend werden meine Frau und meine Töchter nicht weinend ins Bett gehen...»

Chronologie der Havarie

Fabrice Amedeo ist gestern mit seiner Imoca NEXANS auf dem Weg nach Cascais in Portugal unterwegs, als eine Explosion an Bord und daraufhin sofort ein Feuer an Bord ausbricht. Amedeo ist gezwungen, sein Boot aufzugeben. Innerhalb 30 Minuten sinkt sein Boot vor seinen Augen. Mitten auf dem Ozean. Alleine in der kleinen Rettungsinsel und unter schweren Wetter-Bedingungen in rauer See. Am Wochenende hatte ihm ein Leck an Bord gezwungen, die Rennstrecke in Richtung Portugal zu verlassen, um das Boot zu reparieren. Das war der Plan. Es kam anders.

Beherzte Rettungsaktion rettet ihm das Leben

Sofort  wurden Rettungsmassnahmen eingeleitet. Der portugiesische Seenotrettungsdienst, der von der Rennleitung der Route du Rhum - mit Destination Guadeloupe - alarmiert worden war, nahm Kontakt mit den Schiffen auf, die sich in der Nähe des Unfalls befanden. Ein in der Nähe befindlicher Frachter nimmt sofort Kurs auf den Havarierten Amedeo auf. 4 Std. nach der Havarie, glückt die Rettung um 14:32 UT. Amedeo kann sicher an Bord des Frachters genommen werden. Er ist nicht verletzt und wird in die Hafenstadt  Ponta Delgada gebracht (Azoren-Insel Sao Miguel) wo er heute morgen gesund und munter von Bord geht. Mit viel Glück eben.

Die Havarie & Rettung in Amedeos Worten gefasst

Amedeo, 42, gestern nach seiner Rettung «Hallo zusammen. Ich bin gesund und munter auf einem Frachter, der mich morgen früh auf den Azoren absetzen wird. Meine Imoca NEXANS ist vor meinen Augen in Flammen aufgegangen. All meine Träume gingen mit meinem Schiff unter.

  • Sonntagmorgen: An Bord ist alles in Ordnung und ich habe ein tolles Rennen. Das Boot fliegt hart durch die Böen und die See ist schwer. Plötzlich stelle ich fest, dass mein Ballast (Lagoo: einige Imocas haben Wasser-Ballast-Tanks für mehr aufrichtendes Moment auf der Luv-Seite) auf einer Welle explodiert ist und dass ich mehrere hundert Liter Wasser im Boot habe. Ich halte sicherheitshalber an und beginne, alles zu entleeren. In diesem Moment werden die Batterien sofort durch das Wasser in Mitleidenschaft gezogen und versagen und ich habe einen kompletten Stromausfall an Bord. Ich habe keinen Strom mehr: kein Autopilot, kein Computer, keine Elektronik mehr. In Absprache mit meinem Team beschliesse ich, vorsichtig in Richtung Cascais (Lagoo: Portugal) zu fahren.
  • Sonntagnachmittag: starker Rauch an Bord des Bootes. Ich benutze den Feuerlöscher, ziehe meinen TPS (Überlebensanzug) an und alarmiere die Wettfahrtleitung, die einen Teilnehmer in meiner Imoca-Klasse bittet, mich notfalls zu unterstützen. Der Rauch hört schliesslich auf. Ich beschließe, meine Fahrt nach Cascais fortzusetzen. Ich treffe James Harayda, den Skipper der Gentoo, der in das Gebiet gekommen ist, um mir zu helfen. Ich danke ihm und setze meine Fahrt fort. Ich trockne das Boot vollständig und bereite mich auf eine schwierige Überfahrt vor. Ich habe letzte Nacht zwei Stunden geschlafen, um mich von meinen Emotionen zu erholen, und werde heute Nacht 6 Stunden am Stück steuern.
  • Wieder 2h30 Siesta, dann 7 Stunden am Steuer. Kurz nach 12:30 Uhr (gestern) mehr neuer Rauch an Bord. Gefolgt von einer Explosion. Ich taste mich zurück in die Kajüte und schaffe es, meinen TPS zu holen. Mein Grab Bag (Überlebenstasche) war im Cockpit geblieben. Ich gehe zurück, um meinen Ehering zu holen. Ich drücke den Feuerlöscher, aber es passiert nichts. Der Rauch ist nicht weiss wie gestern, sondern gelb. Das Cockpit verzieht sich und vergilbt. Seewasserspritzer klingen wie Wasser, das auf einen Kochtopf treffen. Mir wird klar, dass ich evakuiert werden muss. Ich warne mein Team vor einer möglichen Evakuierung. Als ich auflege, befinde ich mich im hinteren Teil des Bootes und bin bereit von Bord zu gehen. Grosse Flammen kommen aus der Kabine und dem Kajütdach. Ich bin mitten in den Flammen gefangen. Ich kann nicht einmal meine Augen öffnen. Ich schaffe es, die Rettungsinsel ins Wasser zu schieben und von Brod zu springen.
  • Normalerweise sollte das Ende, das die Rettungsinsel am Boot hält, loslassen. Es lässt nicht los. Das Boot, das ich noch steuern konnte, das aber von der rauen See immer noch vorwärts getrieben wird, zieht die Rettungsinsel hinter sich, die sich so mit Wasser füllt. Ich schaffe es, an Bord zu kommen, ohne loszulassen. Ich glaube, das war der Punkt, an dem alles passierte und die Dinge sich zum Guten wendeten. Ich sage mir: Wenn du leben willst, hast du ein paar Sekunden Zeit, um das Messer zu finden und die Rettungsinsel los zu schneiden. Meine Imoca zieht mich zurück in ihre Richtung. Die Wellen bringen mich gefährlich nah an mein lichterloh brennendes Schiff heran. Endlich finde ich das Messer und kann mich mit der Rettungsinsel los schneiden. Es dauert 30 Minuten, bis mein brennendes Schiff sinkt. Ich habe mit dem Boot gesprochen und mich bedankt. Wir wollten in zwei Jahren (Lagoo: an der Vendée Globe) zusammen um die Welt fahren.
  • Dann musste ich mich organisieren. Das Satellitentelefon hat das Wasser im von den Wellen und Wind geschüttelten Floss nicht vertragen und funktioniert nicht.
  • Ich sage zu mir selbst: Niemand weiss, dass mein Boot gesunken ist und dass ich in der Rettungsinsel bin. Wenn ich die Bake der Imoca, die ich mitnehmen konnte, nicht aktivieren und auslöse. Dann haben sie diese Information. Genau das tue ich. Ich kann keine Schöpfkelle an Bord finden. Eine Tupperware-Box mit Batterien wird mich retten. Ich leere andauernd das Floss. Ich beginne zu warten. Ich stelle mich zu hinterst im Floss damit es nicht kentert. Die See ist rau und sehr, sehr gross. Ich mache eine Bestandsaufnahme der Ausrüstung an Bord und bereite mich auf das vor, was jetzt kommt. Ich sammle die Fackeln ein. Ich lege mir das UKW Handfunkgerät um den Hals. Drei bis vier Stunden verbringe ich in diesem Floss. Ich bin erstaunlich ruhig. Das Floss füllt sich durch die leicht brechenden Wellen regelmässig mit Wasser. Ich verstehe das alles, fühle mich aber sicher. Ich weiss aber auch, dass es noch nicht ausgestanden ist.
  • Um die Batterien zu schonen, mache ich alle 30 Minuten einen Mayday-Ruf über das UKW. Das UKW (Lagoo: Handfunkgerät) habe ich dank Éric, meinem Teamchef, mit an Bord genommen, der Zeit hatte, mir diesen Rat zu geben, kurz bevor ich auflegte. Die Batterien des Flosses behalte ich für später auf.

  • Ein paar Minuten später antwortet mir eine Stimme. Ein Frachtschiff, das 6 Meilen von meiner Position entfernt ist, kommt in der Gegend an. Ich bin beruhigt, weiss aber nicht, wie ich bei diesem Seegang an Bord eines solchen Giganten kommen soll. Ich stehe über UKW in ständigem Kontakt mit dem Kapitän, der mich nicht sehen kann: Das Meer ist gross, die Sonne steht auf dem Wasser und ich bin ein winziger oranger Punkt. Er sagte mir vorhin: Du bist am Leben, weil du es mir gesagt hast: Ich bin ungefähr 2 Meilen von eurer Steuerbordseite entfernt.
  • Ich bin etwa zwei Meilen von der Steuerbordseite meiner Retter entfernt. Ich schiesse eine Signalrakete ab. Der Kapitän sieht mich. Er verliert mich wieder. Ich feuere eine zweite ab. Er sieht mich und kommt näher. Er macht ein erstes Manöver und scheitert. Es ist sehr beeindruckend, in meinem Schlauchboot nur wenige Meter von diesem Stahlriesen entfernt zu sein. Er entschuldigt sich über UKW und setzt zum zweiten Versuch an. Als er vorbeifährt, baut sich eine Heckwelle auf. Mein Floss füllt sich mit einer Menge Wasser. Er positioniert sich ein paar Meter vor mir in Luv - es ist verrückt - und driftet auf mich zu. Der riesige Aufbau des Frachters beruhigt die See ein wenig und saugt mich an. Das Floss reibt sich von vorne bis hinten am Rumpf. Wenn das nicht klappt, wird es sehr schnell kompliziert. Die Besatzung hat mir Seile zugeworfen, die ich zuerst gar nicht einholen konnte. 
  • Per Zufall kann ich eins (Lagoo: Seil), in der Nähe des Buges des Schiffes greifen. Alles ist auf den Punkt gebracht. Der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg, Überleben und Drama ist schmal. Die Besatzung zieht mich zu einer heruntergelassenen Gangway. Mit den Wellen bin ich manchmal bis zum oberen Ende der Treppe und dann 5 Meter weiter unten. Dies ist ein letzter Test. Wenn die Rettungsinsel unter der Treppe durchgeht, wird sie durchbohrt und ich werde ins Wasser geworfen. Ich nähere mich. Ein erstes Mal: Es fühlt sich nicht richtig an. Eine zweite Welle hievt mich hoch und ich hüpfe von meinem Floss auf die Treppe, die ich erreiche und finde mich in den Armen eines Mannes wieder, der einen Helm trägt. Ich klettere an Deck.
  • Ich werde von etwa zwanzig Besatzungsmitgliedern empfangen. Es ist verrückt in diesem Moment. Sie nehmen mich in den Arm und gratulieren mir. Bevor ich überhaupt "Puh" sagen kann, bringen sie mich in einen Raum, ich ziehe den Überlebensanzug nicht aus.
  • Ich dusche und ziehe mir ein Crew-Outfit an. Sobald ich an Bord des Frachters bin, schiessen die Angst und das Adrenalin in die Höhe. Meine Beine zittern. Es ist verrückt, was für eine tierische Fähigkeit der Mensch hat, um eine Überlebenssituation zu meistern. Dann wird es mir klar. Der Tod hat mich heute nicht gewollt, oder besser gesagt, das Leben wollte nicht, dass ich es verlasse. Ich bin am Boden zerstört, aber der glücklichste aller Männer, denn heute Abend werden meine Frau und meine Töchter nicht weinend ins Bett gehen.
  • Als ich aus der Dusche komme, kommen mir der Kapitän und sein Maat entgegen. Wir fallen uns in die Arme. Auch sie haben zitternde Beine, sagen sie mir.
  • Dieses Abenteuer ändert nichts an meiner Leidenschaft für meinen Beruf und für das Meer. Ich danke meinem Team, der Rennleitung der Route du Rhum, die dafür gesorgt haben, dass diese Rettungsaktion unter den bestmöglichen Bedingungen stattfand. Ich denke auch an meinen Partnern. Ich danke ihnen für ihr Vertrauen. Ich werde mich erholen. Wir werden wieder auf die Beine kommen.

Was für eine Geschichte Fabrice...

 

Die ersten Boote kurz vor Ankunft in Guadeloupe & weitere Renn-Abbrüche

Während sich das Führungstrio (Caudrelier, Gabart, Coville) in der Ultim-Klasse auf die letzen hundert Seemeilen vorbereiten und wohl heute Nacht (lokaler Zeit) - nach lediglich 6 Tagen Überfahrt - ankommen wird, haben weitere Skipper das Rennen aufgegeben. Erwan Thibouméry musste nach einer Serie technischer Probleme mit seinem Trimaram - auf dem Rückweg nach Spanien - per Helikopter von seinem Boot geborgen werden. Sein Boot trieb manövrierunfähig - bei starkem Wind und Wellen - auf die spanische Küste zu.